Ein Weib
Sie hatten sich beide so herzlich lieb,Spitzbübin war sie, er war ein Dieb.
Wenn er Schelmenstreiche machte,
Sie warf sich aufs Bett und lachte.
Der Tag verging in Freud und Lust,
Des Nachts lag sie an seiner Brust.
Als man ins Gefängnis ihn brachte,
Sie stand am Fenster und lachte.
Er ließ ihr sagen: O komm zu mir,
Ich sehne mich so sehr nach dir,
Ich rufe nach dir, ich schmachte -
Sie schüttelt' das Haupt und lachte.
Um sechse des Morgens ward er gehenkt,
Um sieben ward er ins Grab gesenkt;
Sie aber schon um achte
Trank roten Wein und lachte.
Heinrich Heine
Kleine Gedichte Geschrieben im Herbst 1823 II
Du hast Diamanten und Perlen,Hast alles, was Menschenbegehr,
Und hast die schönsten Augen -
Mein Liebchen, was willst du mehr?
Auf deine schönen Augen
Hab ich ein ganzes Heer
Von ewigen Liedern gedichtet
Mein Liebchen, was willst du mehr?
Mit deinen schönen Augen
Hast du mich gequält so sehr,
Und hast mich zu Grunde gerichtet
Mein Liebchen, was willst du mehr?
Heinrich Heine
Frühlingsfeier
Das ist des Frühlings traurige Lust!Die blühenden Mädchen, die wilde Schar,
Sie stürmen dahin, mit flatterndem Haar
Und Jammergeheul und entblößter Brust: -
Adonis! Adonis!
Es sinkt die Nacht. Bei Fackelschein
Sie suchen hin und her im Wald,
Der angstverwirret widerhallt
Von Weinen und Lachen und Schluchzen und Schrein:
Adonis! Adonis!
Das wunderschöne Jünglingsbild,
Es liegt am Boden, blass und tot,
Das Blut färbt alle Blumen rot,
Und Klagelaut die Luft erfüllt: -
Adonis! Adonis!
Heinrich Heine
Aus: Fresko-Sonette an Christian S., V
In stiller, wehmutweicher AbendstundeUmklingen mich die längst verschollnen Lieder,
Und Tränen fließen von der Wange nieder,
Und Blut entquillt der alten Herzenswunde.
Und wie in eines Zauberspiegels Grunde
Seh ich das Bildnis meiner Liebsten wieder;
Sie sitzt am Arbeitstisch, im roten Mieder,
Und Stille herrscht in ihrer sel'gen Runde.
Doch plötzlich springt sie auf vom Stuhl und schneidet
Von ihrem Haupt die schönste aller Locken,
Und gibt sie mir - vor Freud' bin ich erschrocken!
Mephisto hat die Freude mir verleidet.
Er spann ein festes Seil von jenen Haaren,
Und schleift mich dran herum seit vielen Jahren.
Heinrich Heine
Angelique
Fürchte nichts, geliebte Seele,Übersicher bist du hier;
Fürchte nicht, dass man uns stehle,
Ich verriegle schon die Tür
Wie der Wind auch wütend wehe,
Er gefährdet nicht das Haus;
Dass auch nicht ein Brand enstehe,
Lösch ich unsre Lampe aus.
Ach, erlaube, dass ich winde
Meinen Arm um deinen Hals;
Man erkältet sich geschwinde
In Ermanglung eines Schals.
Heinrich Heine